PISA und Bildung? 

 

Volker Ladenthin im Interview mit Rolf-Michael Simon 

 

Neue Ruhr Zeitung, 18.11.2007. 


Autor

mehr PISA-Kritik

 

- Wann werden die Ergebnisse der 3. PISA-Runde veröffentlicht? 

 

Die Ergebnisse des 3. Zyklus (PISA 2006) mit dem Schwerpunkt Naturwissenschaften und den Nebenkomponenten Lesen und Mathematik soll im Dezember 2007 vorgestellt werden.

 

- Haben bei PISA 3 nationale Lehrpläne und Curricula erneut keine Rolle gespielt? 

 

Da PISA ihre Testaufgaben nicht veröffentlicht, kann man dies nicht überprüfen. Hier regiert der „Glaube“, dass PISA prüft, was zuvor laut Lehrplan gelehrt werden musste. 

 

- Pisa 1 und 2 haben Deutschland kein gutes Zeugnis ausgestellt - haben sie eigentlich auch Gründe dafür bzw. Möglichkeiten zur Verbesserung aufgezeigt?

 

Empirische Studien können grundsätzlich keine Möglichkeiten zur Verbesserung empfehlen. Sie messen etwas. Schon die Fragen, was sie messen und wie das Gemessene zu deuten ist, bedarf Überlegungen, die sich aus dem Vorgang des Messens nicht ableiten lassen. Eine Krankenschwester kann den Puls messen, aber sie kann nur aufgrund der Pulsfrequenzen nicht sagen, ob man zu viel gejoggt, Fieber oder einen Herzfehler hat. Zur Diagnose bedarf es eines größeren Wissens als nur der Fähigkeit zum Messen. Und auch zur Therapie bedarf es einer eigenen Forschung. Auch hier muss PISA passen.  

 

- Was haben die beiden ersten Runden gleichwohl bewirkt? 

 

Aufmerksamkeit. Und leider voreilige Maßnahmen. Man hat therapiert, ohne die Ursachen genau zu diagnostizieren. Und ohne darüber zu sprechen, wohin man eigentlich will. Große Teile der Erziehungswissenschaft waren weder in die Ursachenanalyse noch in die Zieldiskussion einbezogen. Mein Berliner Kollege Dietrich Benner hat schon bei der ersten PISA-Studie gefordert, man müsse die Messkriterien wie Messergebnisse „bildungstheoretisch umrahmen.“ Das ist bisher nicht geschehen. Um im Bild zu bleiben: Nun beurteilt eine Krankenschwester nur auf Grund des Pulsschlags, welche Krankheit der Patient hat – und welche Therapie angemessen sei. Auf den Arzt verzichtet man – d.h. hier auf die Bildungstheorie. 

 

- Wie wird Deutschland diesmal abschneiden?

 

Warum ist es wichtig, auf welchem Rang Deutschland diesmal steht? Die Ergebnisse von PISA stehen in keinem kausalen Zusammenhang zu dem, was in den Schulen passiert. Das sagt übrigens PISA selbst, wenn festgestellt wird, dass eher die Bildungsnähe des Elternhauses Lernerfolge bedingt als die Schule. Und bitte: Wofür sind diese empirischen Erhebungen eigentlich wichtig? Die Missstände an deutschen Schulen kennen alle Eltern, alle Lehrer und alle Schüler sehr genau. Sie erfahren sie jeden Tag: Zu große Klassen; mit Bürokratie überlastete Lehrer, die Mangel verwalten aber keine Zeit mehr haben, ihre Schüler an bedeutsamen Inhalten zu bilden; ein immer maßloser werdendes Test- und Kontrollwesen; Unterricht, der immer mehr auf die angeordneten Tests ausgerichtet wird; fragwürdige räumliche Bedingungen; Gewalt und Mobbing an Schulen in sozialen Brennpunkten; Eltern, die die Erziehungsaufgabe an den Staat abgegeben haben; fehlende Integration von Kindern mit Migrationshintergrund; Schulabgänger ohne Schulabschluss oder Lehrstelle; Ganztagsbetreuung mit zu wenig Personal, das zudem oft pädagogisch nicht qualifiziert wurde. Um diese Missstände zu bemerken, braucht es keine teure Studie. Man kann einfach die nächste Schule an der Ecke besuchen. Und den fachlichen Niveauverlust haben die Lehrer und ihre Verbände seit 30 Jahren stetig angemahnt. Man hat das allerdings gerne als „Jammern“ abgetan.

 

- Was würde ein besseres Ranking für das deutsche Bildungswesen tatsächlich bedeuten? 

 

Dass die Schüler es gelernt haben, für die Tests zu lernen. Sie sind im neuen Schulfach “Wie bewältige ich Tests“ besser geworden. 

 

- Hätte sich damit die Bildung der 15-Jährigen in Deutschland tatsächlich verbessert? 

 

Das weiß niemand. Denn PISA will, wie die Urheber selbst sagen, gar nicht Bildung messen. PISA misst Teilleistungen.  

 

- Ist die Schule bereits zu sehr auf ein learning to the test ausgerichtet (worden)?

 

Ja. Alle Schulbesuche der letzten Zeit zeigen mir: Unterricht dreht sich immer weniger um jene Inhalte, die bedeutsam sind und widmet sich immer mehr dem Training von Kompetenzen, die man überprüfen kann. Bedeutsamkeit wird durch Überprüfbarkeit ersetzt. Im Unterricht nach PISA liest man Kurzgeschichten nicht, weil Schriftsteller Heranwachsenden helfen können, die wichtigen Lebensfragen immer differenzierter zu thematisieren – sondern um herauszufinden, ob Schüler formale Teilkompetenzen entwickelt haben. Das ist so, als wenn wir künftig an langen Winterabenden einen Roman läsen, um Strukturmerkmale herauszufinden. Ob wir den Inhalt für uns wichtig finden, ist dann völlig gleichgültig. 

 

- Sind die in Folge von PISA eingeleiteten „Reformen” à la Lernstanderhebung nicht eigentlich kontraproduktiv?

 

Ja. PISA schaut auf einen Bereich, der aber das, was unsere Schulen bisher so auszeichnete (übrigens auch international), gar nicht betrifft: Sich aus guten Gründen fachkundig mit bedeutsamen Inhalten auseinanderzusetzen, weil es einen interessierte. Bildung nennt man so etwas. 

 

- Gibt die Schule qua PISA ihre Aufgabe preis, die Persönlichkeit junger Menschen in ihrer Individualität zu entwickeln? 

 

Ja. PISA ist an Kompetenzbündeln interessiert, nicht an Menschen. Für PISA ist der Mensch eine Summe aus Datensätzen. Wir sind aber keine Gemeinschaft von Datensätzen, sondern von Menschen.

 

- Würden Sie zustimmen, dass mit PISA Sinn durch Funktion ersetzt wird (werden soll)? 

 

Das ist schön formuliert. Ja! Schüler sollen nach PISA nicht lernen, nach dem Sinn des Lernens zu fragen, sondern sie sollen Aufgaben lösen, gleichgültig welche. Der von PISA als kompetent Geprüfte soll später einmal ebenso Babynahrung produzieren können wie Landminen. Angesichts der Kriterien von PISA (und einer auf PISA ausgerichteten Schule) sind beide Aufgaben gleich gültig. Und sie bedürfen der gleichen Kompetenzen. 

 

- Hat PISA überhaupt etwas mit Bildung zu tun? 

 

Nein. PISA misst Teilleistungen. Die Tester zerlegen den Menschen theoretisch in Teilleistungen – und diese werden dann gemessen. Ob sich aus den Teilleistungen wieder ein Mensch zusammensetzen lässt, ist fraglich. Bildung hingegen betrachtet den Menschen als Person in all seinen Eigenheiten. Bildung heißt, das zu lernen, was einem hilft, sachlich angemessen und mitmenschlich zu handeln – und sein Leben sinnvoll zu gestalten.

 

- Kann die Fixierung auf Funktionalität mehr hervorbringen als ein „Existenzminimum”? 

 

Was ist das Minimum unserer Existenz? Das ist doch die Menschenwürde, d.h. zu lernen, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen, um sachgemäß und zugleich gerecht zu handeln. Das genau prüft PISA nicht ab. Aber ich will einmal PISA an den eigenen Ansprüchen messen: Es mag sein, dass – wie die Tester behaupten - alle, die aktiv an unserer Gesellschaft teilhaben, über die von PISA abgefragten Kompetenzen verfügen; aber bisher hat PISA den empirischen Beweis nicht erbracht, dass alle, die über diese Kompetenzen verfügen, auch aktiv an unserer Gesellschaft teilhaben. Und erst wenn dieser Nachweis erbracht ist, könnte man auf Ihre Frage fundiert antworten.

 

- Mittlerweile befassen sich schon Unternehmensberatungen wie McKinsey mit 

PISA und verbreiten „Rezepte” für besseres Abschneiden... 

 

… ja, für besseres Abschneiden. Man schneidet ab, was nicht passt: Aufgrund von Unternehmensberatungen werden Zehntausende aus der Belegschaft in die Arbeitslosigkeit abgeschnitten. Sie sind jetzt vom wirtschaftlichen Wachstum abgeschnitten. Soll man sich wirklich an solchen „Erfolgen“ orientieren? Schuster, bleib’ bei deinen Leisten. Lehrer geben ja unwirtschaftlichen Unternehmen auch keine klugen Ratschläge. Über eine Milliarde Verlust bei Siemens, zudem noch durch moralisch fragwürdige Finanzpraktiken – wie die Konzernleitung jetzt selbst über das eigene Finanzgebaren sagt! Ist das ein Beleg dafür, dass ökonomische Beratungs„kompetenz“ alles gut werden lässt? Mercedes Benz hat gleich mehrere Milliarden Euro Verluste zu verbuchen. Ist das ein Beispiel dafür, wie man nun auch den Bildungsbereich organisieren sollte? Vielleicht sollten Unternehmensberater aus der Wirtschaft zuerst die Probleme in ihrem Bereich überzeugend lösen, bevor sie dann ihre bisher etwas eigenartige Problemlöse„kompetenz“ auch noch anderen anbieten. Die neoliberalen Unternehmensberater „glauben“ zudem an den Wettbewerb. Wettbewerb aber hat immer Verlierer. Verlierer können wir uns aber im Bildungsbereich nicht leisten. Die kommen uns zu teuer zu stehen.

 

- Werden die Normierung und Standardisierung, die mit PISA Eingang in die  

Schule gefunden hat, auch auf andere Bereiche übergreifen? 

 

Standardisierung ist die Idee der industriellen Produktion: Man will die Dinge vergleichbar machen. Dann kann man sie besser tauschen und austauschen. Bei Autos und  Computern ist das vielleicht ja hilfreich. Nicht aber bei Menschen. Die wollen nämlich unterschiedlich sein. Und sie sind auch unterschiedlich.